Wenn der Museumsdirektor zum frisch erworbenen Gemälde schreibt: „Der liegende weibliche Akt, mit singendem Gitarrenspieler ist ein köstlich frisches Stück Malerei wie es sich kompositionell aufbaut…“ stimmt das einen voyeuristischen Ton an, die Frau wird zum Objekt. Ist das so? Hat das der Maler Albert Weisgerber auch so gesehen? Das Bildmotiv reiht sich in die Serie von Atelierbildern Weisgerbers, die Modelle und Maler oder Atelierbesucher zeigen, die auch rein gar nichts miteinander zu tun haben, wie hier der Sänger und das Modell. Man fragt sich, ob er sie überhaupt sieht bzw. sehen kann.
Die nackte Frau liegt am vorderen Bildrand, nimmt dessen gesamte Breite ein und schaut den Betrachter direkt an. Das Bild nimmt über Manets Olympia (1863) Bezug auf Tizians Venus von Urbino (1538, Uffizien): In beiden Bildern ist die zweifellos schöne Unbekleidete ausgestreckt auf weißem Laken und aufgestellten Kissen zu sehen. Mit dem vorderen Arm stützt sie sich leicht ab, bedeckt mit der Hand des hinteren Arms ihre Scham, kreuzt die Beine leicht und schaut mit wachem, offenem, aufforderndem Blick den Betrachter an. Oder schaut Weisgerbers Nackte leer und desillusioniert?
Wer ist der Voyeur? Der Museumsdirektor, der Maler, der Gitarrenspieler oder wir, die Bildbetrachter? Ist die Frau ein trauriges Modell, eine selbstbewusste moderne Frau oder eine routinierte Prostituierte? Oder ist sie nur die Idee Weisgerbers von weiblicher Schönheit, die freilich in einer langen Reihe von Venusdarstellungen steht?
mobilewebguide LMM Guide
wird geladen ...
Ein Angebot von satelles.de:
erfahren - erleben - entdecken