Das Schuhhaus Manes war seit drei Generationen im Besitz einer jüdischen Familie. Vom Großvater Lambert Manes gegründet, war es 1930 im Besitz des Enkels, Friedrich Salomon. Der Machtantritt der Nationalsozialisten veränderte auch das Leben der Familie Salomon.
Gerti Salomon berichtete nach dem Krieg von diesen Jahren, die sie als Jugendliche erlebte (ebenda, S. 46):
„Das Geschäft [meines Vaters] lief gut, bis zu jenem 1. April 1933, dem Tag des Boykotts. Seit dem Boykott […] blieb die Kundschaft aus. Zudem entpuppten sich viele Angestellte, die mein Vater ausgebildet hatte, als überzeugte Nazis, die jede geschäftliche Aktion meines Vaters argwöhnisch beobachteten. Die Hetze gegen die Juden nahm zu. Nicht nur in den einschlägigen Partei-Gazetten wie dem „Völkischen Beobachter“ und dem „Stürmer“. Auch die größte Mainzer Lokalzeitung, der „Mainzer Anzeiger“, hatte längst die Diktion der braunen Herren übernommen. Irgendwann sah mein Vater ein, dass er das Geschäft nicht weiterführen konnte. 1936 verkaufte er das traditionsreiche Schuhhaus an seine Direktrice Anni Schlüter. Es war ein faires Geschäft, wenn man damals noch von fairen Geschäften sprechen konnte. [...] Mein Vater hat unter dem Verkauf der Geschäfte sehr gelitten. Sein Lebenswerk, der Inhalt seines Lebens war dahin.“
Ein kommentiertes Foto des Schuhhaus Manes von 1919 findet man hier:
https://stolpersteine-guide.de/map/biografie/871/anny-salomon
Der älteste Sohn der Familie Salomon flüchtete 1936 nach Südafrika. Die Eltern und Gerti Salomon blieben in Deutschland und erlebten in den nächsten Jahren Diskriminierungen, Unterdrückungen und die Gewalt der Novemberpogrome.
Fritz Salomon dachte nicht an Flucht. Er hoffte lange, dass der braune Spuk bald vorbei sei - bis zum Frühsommer 1939, wenige Monate vor dem Beginn des zweiten Weltkrieges. Nun schien auch Fritz Salomon an eine Flucht aus Nazi-Deutschland zu denken. Dafür benötigte er Geld: für die Reisekosten, die Gebühren und zu hinterlegenden Sicherheiten, für ein Startkapital zum Neuanfang. Doch die Nationalsozialisten behinderten die Vorbereitungen. Schikanen wie „Reichsfluchtsteuer“ oder „Sperrmark-Konten“ sorgten dafür, dass den Flüchtenden möglichst viel von ihrem Geld abgenommen wurde. Fritz Salomon kam auf den Gedanken, einen Teil seines Geldes illegal ins Ausland zu schmuggeln. Über einen Mittelsmann sollte seine einundzwanzigjährige Tochter Gerti zweitausend Reichsmark ins Ausland schaffen. Die Sache flog auf! Fritz Salomon wurde in die Mainzer Gestapo-Stelle in der Kaiserstraße 31 bestellt. Nach diesem Besuch nahm er Zyankali. Er starb am 23. Juni 1939.
Ein Foto von Fritz Salomon aus dem Jahr 1939 findet sich hier:
https://zentralarchiv-juden.de/fileadmin/user_upload/bis2016dateien/B_5.1_Abt_IV_0676.pdf
Gerti Salomon wurde festgenommen und blieb sechzehn Monate in Haft. Nach ihrer Entlassung floh Gerti völlig mittellos. Über abenteuerliche Wege gelangte sie nach China, nach Schanghai. Dort überlebte Gerti Salomon den Holocaust.
Wer sie in einem Gesprächsauszug erleben möchte, der sehe hier nach:
https://www.youtube.com/watch?v=B3agPznYuz0
Ihr autobiografisches Buch „Hier sind meine Wurzeln, hier bin ich zuhause“ erschien 2010, also knapp 20 Jahre nach diesem Interview.
Gertis Mutter, Anny Salomon, blieb in Mainz. Sie wurde, wie Karoline Weis, im März 1942 nach Polen deportiert. Die Deportationslisten mit Angaben zu den „Abgewanderten“ aus den Jahren 1942-43 aus dem Nachlass von Michel Oppenheim findet man hier:
https://faust.mainz.de/document_start.fau?prj=internet&dm=archiv&ipos=1&zeig=63348
Ende März 1942 erhielten Anny Salomon und Karoline Weis die Mitteilung, dass sie in drei Stunden ihre Wohnung zu verlassen hätten. Sie seien „vorläufig festgenommen“ und sollten für den Abtransport packen. Sie durften einen Koffer oder einen Rucksack mit höchstens fünfzig Kilogramm Gewicht und fünfzig Reichsmark mitnehmen. Außerdem sollten sie ein Schild mit ihrem Namen, Geburtsdatum und der Nummer ihres Ausweises um den Hals tragen. Sie wurden zur Feldbergschule gebracht, wo in dieser Nacht in der Turnhalle der Schule neben Karoline Weis hunderte Menschen auf den nächsten Morgen warteten. Im Morgengrauen wurden sie zum Güterbahnhof an der Mombacher Straße gebracht und bestiegen einen Zug. In Darmstadt stiegen weitere Menschen zu. Ziel der Fahrt war das von Deutschland besetzte Polen, die Kleinstadt Piaski im Bezirk Lublin.
In Piaski hatte die deutsche Besatzungsmacht das jüdische Viertel zu einem Internierungslager gemacht. Für diese Internierungslager fanden sie den verharmlosenden Namen „Wohnbezirk“ oder „Ghetto“. Im Ghetto Piaski waren Juden aus Polen, Deutschland und der Tschechoslowakei untergebracht. Da das Ghetto überfüllt war, brachten die deutschen Behörden einen Teil der Bewohner weg. Es traf die Juden aus Polen: Sie wurden ins Vernichtungslager Belzec gebracht. Martha Bauchwitz aus Stettin war seit 1940 im Ghetto Piaski. Sie war Zeugin der Ankunft des neuen Transports. In einem Brief an ihre Tochter schrieb sie: „Die Tausendfünfhundert aus Mainz, Worms und Darmstadt sind in die Wohnungen der „Verreisten“ gekommen. Sie haben keinen Pfennig Geld! Man erzählt, viele seien unterwegs gestorben.“
Die Spuren von Karoline Weis und Anny Salomon verlieren sich hier in Piaski. Wir wissen nicht, ob sie im Ghetto gestorben sind. Dort waren zu dieser Zeit Hunger und Krankheiten die häufigste Todesursache. Oder wurden sie nach Sobibor gebracht, ein Vernichtungslager, in dem man Menschen mit Motorabgasen erstickte? Wir wissen nur: Aus Piaski kehrte niemand mehr nach Mainz zurück.
Kehrt man dem ehemaligen Schuhhaus Manes den Rücken und geht über den Gutenbergplatz mit seinem Denkmal am Theater vorbei die Ludwigstraße entlang, kommt man zum Schillerplatz. Verbunden mit dem Schillerplatz und einem stattlichen Gebäude dort, ist der Name eines anderen Mainzers: Der des Kunstsammlers und Geschäftsmannes Felix Ganz.
(© GDKE, Landesmuseum Mainz)
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