Die orthodoxe Synagoge wurde 1877 fertiggestellt. Der Architekt war Eduard Kreyßig, von dem auch die Planungen der Mainzer Neustadt stammten. Die von Kreyßig entworfene Synagoge war wie die Hauptsynagoge im maurischen Stil gebaut. Die Zeitgenossen waren beeindruckt. Die Synagoge erschien „äußerlich wie innerlich als ein wahres Schmuckkästchen“. Einen Eindruck von dem Formenreichtum dieser Synagoge vermittelt noch heute die jüdische Trauerhalle auf dem neuen jüdischen Friedhof neben der, die der Architekt Eduard Kreißig wenige Jahre später erbaute. Die Synagoge war nicht nur ein Gebetshaus der Mainzer Gemeinde. In einem Seitentrakt war eine Schule untergebracht. Und in einem anderen Raum beteten seit den zwanziger Jahren jüdische Einwanderer aus Osteuropa.
1938 kam mit den November-Pogromen das Ende der Synagoge. In der Nacht vom 9. zum 10. November erschienen Trupps von SA- und SS-Männer vor allen Mainzer Synagogen. Die Männer trugen schwarze Benzinkanister mit sich. Sie setzten die orthodoxe Synagoge und die angrenzende Schule in Brand. Weder Polizei noch Feuerwehr griffen ein.
Da die orthodoxe Synagoge inmitten von Wohnhäusern stand, hatte man Angst, dass das Feuer auf die umliegenden Häuser überspringt. Deshalb löschte man das brennende Mobiliar, bevor das ganze Gebäude Feuer fing.
Die Zerstörung der Synagogen war nur der Auftakt zu weiteren Gewalttaten. In der ganzen Stadt zerstörten SA-Männer, SS-Männer und Hitlerjungen jüdische Geschäfte und Wohnungen. Sie stahlen aus den Geschäften ebenso wie aus den Wohnungen. Die jüdischen Bewohner wurden bedroht und misshandelt. Am Morgen des zehnten November wurden Schulklassen zu den ausgebrannten Synagogen geführt. Die Lehrer nannten das zynisch „Anschauungsunterricht in Rassenkunde“. Über hundert jüdische Männer wurden in Mainz verhaftet, ohne Begründung, ohne Anklage. Sie wurden in das KZ Buchenwald oder in das KZ Dachau gebracht, wo sie über Monate blieben.
Wir wissen nicht, wie Karoline Weis diese Tage und Nächte 1938 erlebte. Deshalb möchten wir einer anderen Stimme Gehör verschaffen. Gerti Salomon war auch eine Mainzer Jüdin und 1938 zwanzig Jahre alt. Nach der Nazi-Diktatur schrieb sie ihre Erinnerungen nieder (Zitat gemäß Meyer-Jorgensen, Gerti: Hier sind meine Wurzeln, hier bin ich zu Haus. Das Leben der Gerti-Meyer-Jorgensen, geborene Salomon, Mainz 2010, S. 51):
„Ich hatte Angst. Ich erinnere mich, dass ich zitternd in meinem Bett lag, wenn wieder einmal eine Horde SA-Männer grölend durch die Hindenburgstraße zog: ‚Wenn das Judenblut / vom Messer spritzt / dann geht’s noch mal so gut!‘ Das sind Erinnerungen, die so tief wurzeln, dass du sie nicht mehr loswirst.
Auch die persönlichen Anfeindungen nahmen zu. Ein Junge, mit dem ich drei Jahre die Schulbank … gedrückt hatte, zischte mir im Vorübergehen zu: ‚Dreckige Judensau, hoffentlich verreckst du bald!‘“
Antisemitische Beschimpfungen und Beleidigungen wurden in der Nazi-Diktatur zu alltäglichen Erfahrungen der jüdischen Mitbürger. Auch Karoline Weis sollte das erleben.
(© GDKE, Landesmuseum Mainz)
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