Hier auf dem Liebfrauenplatz steht, umgeben von einem Metallgitter und drei Steinsäulen, eine sieben Meter hohe Säule, die Nagelsäule.
Schauen Sie sich die Nagelsäule genau an: Sie erkennen tausende Nagelköpfe und einige verwitterte Reliefs. Die Nagelköpfe ergeben Schriftzüge und Sinnsprüche mit oft patriotischen Inhalten.
Die Nagelsäule war 1916 mitten im ersten Weltkrieg errichtet worden. Wer wollte, konnte einen Nagel kaufen und ihn in die hölzerne Säule schlagen lassen. Der Erlös war für einen humanitären Zweck bestimmt: Die Spenden sollten die notleidende Bevölkerung im zweiten Kriegsjahr unterstützen. Rund dreißigtausend Menschen beteiligten sich damals an der Spendenaktion. Ein einfacher Nagel war für eine Reichsmark zu haben, ein Nagel mit einem vergoldeten Kopf kostete zwanzig Reichsmark.
Auch viele jüdische Mainzer beteiligten sich an dieser Aktion. Sie wollten damit ihr soziales Engagement zeigen, sahen ihre Beteiligung aber auch als ihre nationale Pflicht, denn viele Juden verstanden sich als patriotische Deutsche. Das Verzeichnis der Spender ist im Stadtarchiv erhalten. Der Eintrag mit der Nummer 192 verzeichnet die damals 15-jährige Netty Reiling, die spätere Schriftstellerin Anna Seghers. Viele Vereine, Firmen und Verbände beteiligten sich. Die katholische Kirche stiftete eine Rosette und ein Bild des Heiligen Bonifazius, die evangelische Kirche eine Lutherrose und ein Christusmonogramm. Auch die jüdische Gemeinde beteiligte sich. Davon sind noch heute Spuren zu finden.
Im mittleren Bereich der Säule befinden sich drei Bänder mit Bildern. In der unteren Bilderzone findet man das Bild einer Frau, die Brot für zwei kleine Kinder schneidet. Zu ihren Füßen befindet sich ein Davidstern. In dem Band über der Frau ist noch eine Inschrift zu erahnen. Hier steht in hebräischen Buchstaben: „Die Wahrheit und den Frieden sollt ihr lieben“, ein Zitat aus dem hebräischen Tanach. Dieses Zitat gehört auch zur christlichen Bibel.
Die Nagelsäule zeigt wie kaum ein anderes Zeugnis in Mainz die erfolgreiche Assimilation der Juden in Deutschland. Juden in Deutschland verstanden sich als Deutsche, als Deutsche jüdischer Konfession.
Der Antisemitismus war im frühen zwanzigsten Jahrhundert nicht verschwunden. Doch viele jüdische Deutsche hielten den Antisemitismus für eine Erscheinung der Vergangenheit, die bald verschwinden würde.
Wendet man sich zurück, überquert den Marktplatz und das „Höfchen“, kommt man zur Fuststraße, wo heute die Fußgängerzone endet. Auf der linken Seite bestand bis 2019 das Schuhhaus Schlüter. Bis 1936 war hier das Schuhhaus Manes.
(© GDKE, Landesmuseum Mainz)
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