Parallel zur Margarethenstraße verläuft die Emmeransstraße. Hier, im Haus Nr. 45, lebte Karoline Weis. Das Haus ist nicht erhalten. Es stand auf der rechten Seite, dort, wo heute die Bäume stehen.
In diesem Umfeld musste Karoline Weis musste den alltäglichen Antisemitismus im Sommer 1936 bitter erfahren. Die Wohnung in der Walpodenstraße hatte sie aufgeben müssen. Wie Gerti Salomon erlebte sie Anfeindungen und Beschimpfungen, wollte sich dem jedoch nicht aussetzen und wehrte sich. Es kam zum Nachbarschaftsstreit, zu Beschimpfungen und Beleidigungen. Frau Weis musste sich als „Saumensch“ diffamieren lassen, wurde unter Drohungen von der Straße verjagt. Karoline Weis erhob Anklage. Rechtsanwälte wurden bestellt, Zeugen sollten vernommen werden. Die erhaltenen Gerichtsakten zeigen den unverhohlenen Antisemitismus der Beteiligten. Der gegnerische Anwalt forderte die Einstellung des Verfahrens, denn:
„ … die Klägerin ist Jüdin, ist als solche in letzter Zeit sehr misslich aufgefallen. Selbst die eigenen Glaubensgenossen rückten von ihr ab, was schon viel heißen will.“
Außerdem sei Frau Weis ja auch arm und von der öffentlichen Prozesskostenhilfe abhängig. Ein Prozess verursache Kosten, die die Staatskassen tragen müssten. Der Streit mit ihren Nachbarn belastete Karoline Weis. Dem Gericht teilte sie mit, dass sie vorübergehend zu ihren Verwandten nach Frankfurt ziehe. So verschaffte sie sich Abstand zu ihren boshaften Nachbarn.
Die Klage der Karoline Weis klingt oberflächlich gesehen, wie ein ganz normaler Nachbarschaftsstreit. Doch 1936 war ein Streit zwischen einem Juden und einem Nichtjuden nichts rein Persönliches mehr, sondern auch politisch. Juden erlebten die nationalsozialistische Diktatur als eine Zeit fortlaufender Demütigungen. Die Behörden erfanden immer neue antisemitische Bestimmungen. Ein früher Höhepunkt waren die Nürnberger Gesetze von 1935. Sie bestimmten, dass Juden keine gleichberechtigten Bürger mehr waren. Sie waren nun keine „Reichsbürger“ mehr, sondern nur noch: „Staatsangehörige“.
Viele ganz normale Deutsche merkten, dass sie Juden ungestraft demütigen konnten, gedeckt von der Staatsmacht, und viele nutzten das aus.
Die Klage der Frau Weis verlief im Sand. Karoline Weis zog noch im Herbst in eine neue Wohnung in der Zanggasse 22.
Um eine Vorstellung zu erhalten, wie dieses Viertel vor dem Krieg aussah, schaut man sich die vergrößerten historischen Fotos am verglasten Erdgeschoss des Hauses Nr. 38 auf der gegenüberliegenden Straßenseite an. Auch dieser Teil der Mainzer Altstadt sah damals aus wie ein gemütliches Quartier.
Der heutige Kaufhof ist die nächste Station des Spaziergangs. Dorthin gelangt man, wenn man links in die Ottiliengasse geht, so dass man rechterhand die Rückseite des Dalberger Hofes hat. Im Dalberger Hof war in der NS-Zeit das Polizeipräsidium mit seinem gefürchteten Polizeigefängnis. Schließlich kommt man in die Schusterstraße und zum Haupteingang des Warenhauses Kaufhof.
(© GDKE, Landesmuseum Mainz)
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