Durch die Zerstörung des zweiten Weltkrieges und durch den schnellen Wiederaufbau nach dem Krieg hat das heutige Mainz ein anderes Aussehen als zur Zeit des Nationalsozialismus. Viele Spuren sind verwischt, so auch hier am Haus Große Bleiche 39. Vor dem Bombenkrieg gab es hinter dem Vorderhaus Nr. 39 noch ein weiteres Haus, ein Hinterhaus.
In diesem Haus lebte Karoline Weis. Sie hinterließ kein Tagebuch, keine Memoiren. Das einzige, was sie hinterließ, sind die Grafiken, die heute im Landesmuseum aufbewahrt werden. Wir wissen nicht einmal, wie sie aussah, denn es gibt kein Foto von Karoline Weis. Erinnerungsfotos werden üblicherweise in unseren Familien weitergegeben. Nach dem Holocaust, nach 1945, gab es keine Familie Weis mehr in Mainz. Ob die Familie von Frau Weis Erinnerungen an Karoline bewahrt hat, wissen wir nicht. Was wir von Frau Weis wissen, hat die Provenienzforscherin des Landesmuseums Mainz, Dorothee Glawe, aus Akten zusammengesucht. Die trockene Sprache der Akten und Behörden lassen das Leben eines Menschen kaum anschaulich werden. Wir versuchen es trotzdem!
Karoline Weis wurde 1880 in Mainz geboren. Sie hatte sieben Geschwister, drei Schwestern und vier Brüder. Ihr Vater Emanuel Weis war Antiquitätenhändler in Mainz, ihre Mutter Rosine Weis, geborene Löser, stammte aus Laufersweiler, einer Landgemeinde im Hunsrück. Als Karoline Weis in das Hinterhaus der Nummer 39 in der Großen Bleiche zog, war sie schon Anfang Sechzig und unverheiratet.
Dieses Hinterhaus war in der Verwaltungssprache des nationalsozialistischen Deutschland ein Judenhaus. Die nationalsozialistischen Behörden richteten seit 1939 Judenhäuser ein.
Auch Karoline Weis wurde gezwungen, umzuziehen und ihre eigene Wohnung zu verlassen. Die Behörden wiesen ihr die neue Wohnung zu. Ihre Nachbarn konnte sie sich nicht aussuchen. Manchmal wurden selbst Familien nicht im selben Haus untergebracht. Die Judenhäuser waren bald überfüllt. Als auch noch die jüdische Bevölkerung aus dem Umland nach Mainz umquartiert wurde, verschlechterte sich die Lage zunehmend.
Karoline Weis hatte Glück. Sie musste sich das Zimmer nicht mit einem Fremden teilen. Sie wohnte mit ihrem Bruder Ludwig zusammen. Die Kennkarte von Ludwig Weis findet man hier:
https://zentralarchiv-juden.de/fileadmin/user_upload/bis2016dateien/B_5.1_Abt_IV_0258.pdf
Karoline Weis musste seit 1941 einen Judenstern tragen, wenn sie das Haus verließ.
https://faust.mainz.de/objekt_start.fau?prj=internet&dm=archiv&zeig=62222
Auch die Eingangstür des Hinterhauses in der Großen Bleiche war mit einem Davidstern gekennzeichnet. Die Absicht der nationalsozialistischen Behörden war die völlige Isolierung der Juden von ihrer Umgebung und ihre lückenlose Überwachung.
An der nächsten Station berichten wir aus der Geschichte der Juden in Mainz. Überquert man die Große Bleiche und geht in die Klarastraße findet man noch einige alte Häuser vor, die erahnen lassen, wie diese Straßen vor der Zerstörung ausgesehen haben. Nach der nächsten Kreuzung sind es nur noch wenige Schritte zu einer Gedenktafel auf der linken Seite, der Gedenktafel für die Judenwache. Hier verlässt unser Spaziergang kurz die Zeit der Karoline Weis und beleuchtet Hintergründe.
(© GDKE, Landesmuseum Mainz)
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