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Finanzamt

Finanzamt
© GDKE, Landesmuseum Mainz, Foto: T. Bast

Das Finanzamt

Mit diesem Gebäude und dem benachbartem Telehaus zog Anfang der Dreißiger Jahre das moderne Bauen in die Mainzer Altstadt ein. Das Eingangsportal bewacht seitdem ein Reichsadler. Bei der Fertigstellung 1931 war er noch Symbol des demokratischen Deutschlands. Doch bald wurden die Reichsadler durch das Hakenkreuz ergänzt und zum Symbol der Diktatur.

Finanzämter spielten in der Zeit des Nationalsozialismus eine wichtige Rolle bei den Ausplünderungen der jüdischen Bevölkerung. Sie organisierten die Besteuerung der Flüchtlinge aus Nazideutschland und erhoben die „Reichsfluchtsteuer“. Das Geld, das bei den Zwangsverkäufen der sogenannten Arisierungen bezahlt wurde, wurde auf Sperrkonten eingezahlt. Das zuständige Finanzamt überwachte die Konten und setzte den monatlichen Betrag fest, über den die jüdischen Verkäufer verfügen durften. Finanzämter zogen die Sondersteuern für Juden ein. Die sogenannte „Judenvermögensabgabe“ war besonders zynisch, denn nach den Novemberpogromen sollten Juden, also die Opfer selbst, für die  Aufräumarbeiten und die Beseitigung der Ruinen zahlen. Ein Gesetz von 1941 machte die Ausbeutung komplett. Alle Juden, die Deutschland verließen, auch die Zwangsdeportierten, wie Karoline Weis oder Felix Ganz, sollten ihr Vermögen verlieren.

Wieder waren die Finanzämter die willigen Helfer. Sie taxierten die verbliebenen Wertgegenstände und Sparkonten der Geflüchteten und Deportierten. Sie bestimmten die Sachverständigen, die die Kunstgegenstände bewerteten. Der Sachverständige bestimmte, dass alle wichtigen Kunstgegenstände aus Mainz an das Mainzer Museum gehen sollten. Die Mainzer Gemäldegalerie, die Vorgängerin des Landesmuseums, akzeptierte diese Zuweisungen. Damit beteiligte sich die Gemäldegalerie  an der Enteignung der Juden.

Im Oktober 1945 wurde der erste jüdische Gottesdienst nach Kriegsende in Mainz gefeiert. Es kamen etwa zwanzig Gläubige. Vor dem Krieg hatte die jüdische Gemeinde über zweitausendsechshundert Mitglieder. In den nächsten Jahren kehrten nur wenige jüdische Mainzer aus den Lagern oder dem Exil zurück. Der Neuanfang war schwer. Die Städte waren zerstört und die deutsche Gesellschaft begegnete den Rückkehrern mit Misstrauen.

Gerti Salomon überlebte den Holocaust. Erst 1950 kam sie zum ersten Mal wieder nach Mainz. Von der Suche nach den Antiquitäten ihres Vaters berichtet sie (ebenda, S. 111 ff.):

„Ich ging in das ehemalige Judenhaus, das die letzte Bleibe meiner Mutter vor ihrer Deportation gewesen war.

Die Frau, die mir die Tür öffnete, hatte ein verkniffenes Gesicht. Sie war eine ältliche Person, die ich von früher flüchtig kannte, als sie den behinderten Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie gepflegt hatte.

‚Ei, das Fräulein Salomon.‘, rief sie erstaunt aus, ‚Sie leben noch?‘ -

‚Ja, ich lebe noch‘, sagte ich. ‚Ich bin kurz zu Besuch und wollte Ihnen nur mal Guten Tag sagen.‘

Nach einigem Zögern ließ sie mich in die Wohnung. Als ich das Wohnzimmer betrat, ging mir das Herz auf. Da stand der Bücherschrank mit all den Büchern, die mein Vater sorgfältig mit seiner Exlibris-Vignette versehen hatte. Auf der Stirnseite des Schranks war in gotischen Lettern geschrieben: ‚Labor omnia vincit!‘ – ‚Arbeit besiegt alles‘ – der Wahlspruch meines Vaters. Und da stand auch dieser wunderschöne gotische Tisch, der all die Jahre den Herrensalon unserer Wohnung in der Kaiserstraße geschmückt hatte. Ich sagte: ‚Wie schön, dass Sie die alten Sachen für mich aufbewahrt haben.‘

Sie erwiderte: ‚Für Sie aufbewahrt? Die hat mir Ihre Mutter doch geschenkt!‘

Ich sagte: ‚Aber das ist mein Erbe. Ich hänge daran. Diese Gegenstände sind die letzte Erinnerung an meine Eltern, die ich noch habe. Ich kaufe Ihnen ein neues Bücherregal und einen neuen Tisch. Dann sind Sie den alten Krempel los.‘

Die alte Frau zeterte. Es war ein unerfreuliches Gespräch. Aber schließlich war sie doch bereit, den Bücherschrank und den Tisch herauszugeben.“

Nach 1945 verweigerten viele die Herausgabe des geraubten Eigentums ihrer jüdischen Mitbürger. Auch öffentliche Institutionen taten das, die Museen waren keine Ausnahme. Heute stellen sich deutsche Museen ihrer Verantwortung. Provenienzforscherinnen und Provenienzforscher suchen die Erben der Eigentümer. Das Landesmuseum möchte mit diesem Spaziergang zeigen, dass das eine notwendige Aufgabe ist.

Vom Münsterplatz zurück zum Landesmuseum ist es nicht weit. Man geht zwanzig Meter weiter bis zur Großen Bleiche und nach rechts. Auf dem Weg zum Landesmuseum begegnet man Stolpersteinen. Wer die Geschichte einiger Mainzer Juden kennt, betrachtet sie vielleicht mit neuem Blick. Sie markieren Stationen im Leben von Menschen, die Kunst sammelten, Geschäfte betrieben, zur Schule gingen und sich als Mainzer Bürger fühlten.

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