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Pogrome, Verfolgung und Shoa

Pogrome, Verfolgung und Shoa

Seit der Antike werden Jüdinnen und Juden zu Unrecht für Seuchen und Krisen verantwortlich gemacht – auch in Rheinland- Pfalz. Die falschen Bezichtigungen führen zu Gewalt. Pogrome, wie 1096 zu Beginn des Ersten Kreuzzugs oder 1349 zur Zeit der Pest, fordern Tausende Leben. Der garantierte Schutz durch Herrscher bleibt oft wirkungslos. Die Shoa markiert den tiefsten Bruch. In den Jahren des Nationalsozialismus wird die jüdische Bevölkerung brutal ausgelöscht. Und doch: Am am 17. Oktober 1945 gründet sich in Mainz die erste jüdische Gemeinde in Rheinland-Pfalz nach der Shoa.

„Wer nur solches hört, dem werden die Ohren gellen. Denn wer hätte solches schon gehört, wer hätte dergleichen schon gesehen? Fragt doch nach und seht zu, ob von der Zeit der ersten Menschen an eine so vielfache Opferung je gewesen ist, die alle an einem Tag statt fanden, alle gleich der Opferung des Isaak, des Sohnes Abrahams.“

Salomo bar Simson, um 1140  


Nicht wenige Familien begingen während der Ausschreitungen im Jahr 1096 kollektiven Suizid, um nicht in die Hände des mordenden Pöbels zu geraten. Darauf bezieht sich der Vergleich mit Abraham, der bereit war, seinen Sohn Isaak zu opfern, um seine Treue zu Gott zu beweisen.

„ Am 23, Ijar erhoben sich die Wölfe wider die Gemeinde zu Worms. Ein Teil der Gemeinde befand sich in ihren Häusern und ein Teil im Gemach des Bischofs. Da erhoben sich die Feinde wider die Daheimgebliebenen, plünderten und mordeten jung und alt. Sie zerstörten die Häuser und brachten die Wohntürme zum Einsturz, raubten und plünderten. Sie nahmen die heilige Tora und traten sie in den Gassenschmutz und trieben Spott mit ihr. Sie fraßen die Israeliten mit allen Mäulern.“ 

Elieser bar Nat han, niedergeschrieben vor 1146 


Die „Wölfe“ beziehen sich auf die Schriften der Propheten Jeremia und Zephania

„Einst fragte jemand den Rabbiner R. Meir, ob er einer Sühne bedürfe, weil er am Tage des großen Mordens in der Blutstadt Koblenz seine Frau und Kinder getötet habe. Da sie wahrgenommen hatten, dass der Zorn Gottes entbrannt sei und die Feinde bereits begonnen hatten, die Israeliten, welche den Tod zur Heiligung des göttlichen Namens erleiden mussten, hinzuopfern, hatten sie solche Tat von ihm verlangt. Er habe selbst durch eigene Hand mit ihnen sterben wollen, sei aber mit Gottes Hilfe durch Christen daran gehindert worden.“ 


Die Frage stellt ein Überlebender des Pogroms in Koblenz 1263. Rabbi Meir von Rothenburg erteilte eine nachsichtige Antwort: Die Tötungen seien unter Zwang geschehen.

„Als man mir am 1. April [1933] zwei junge Menschen in Uniform […] vor mein Geschäftslokal stellte, versehen mit einem Schild „Deutsche meidet jüdische Geschäfte“, begab ich mich mit meinen Kriegsauszeichnungen vor meine Ladentür. Diese Disharmonie der Farben soll […] provozierend gewirkt haben. Nach etwa einer Stunde [führte] die Polizei mich einen halben Tag in Haft“. 

Siegfried Wurmser (1893 Worms bis 1973 Sao Paulo)


„Da war vor allem der 10. November 1938, an dem sämtliche Synagogen in Deutschland zerstört wurden und vieles geschah, daß es zum Himmel um Rache schreit. Ich war gerade drei Wochen in der Haushaltungsschule in Frankfurt und mußte wieder nach Hause nach Worms. Als ich in unsere Wohnung trat, waren meine Begrüßung Scherben, Scherben wohin man sah. Pap war glücklicherweise verreist und kam so um das Konzentrationslager herum.“

Miriam Gerber, geb. Sondheimer (1922-2021), 1940


Miriam Gerber, geb. Sondheimer (1922-2021), 1940 in ihrem Tagebuch, nach der Deportation in das Lager Gurs in Südfrankreich. Über die Dominikanische Republik gelangte sie schließlich in die USA.

„Wir hatten keine Wohnung mehr, doch gute jüdische Freunde nahmen uns für die letzten Wochen in ihrem Hause zum Schlafen auf. […] Oft denke ich an diese letzten Tage. Wir gingen noch zu den älteren jüdischen Leuten in Wittlich, um uns zu verabschieden. Die anderen kamen zu uns. Sie kamen und gingen, ohne viel zu sagen. […] Viele, von denen, die hofften, uns wiederzusehen, sind nicht mehr. Sie liegen in der Erde von Mauthausen, Bergen-Belsen, Dachau und anderen Vernichtungslagern. […] Wenn ich an alle unsere Freunde denke, an die kleinen und großen Kinder, ihre Eltern und Großeltern, dann bete ich, daß solche Zeiten nie wieder über uns kommen sollen, daß niemand wegen seiner Religion oder seiner Rasse verfolgt wird, daß Schwerter zu Pflügen geschlagen werden und daß die Welt wieder so schön wird, wie meine Kindheit vor 1933 in Wittlich war." 

Trude Wittner (1921-2017)  in Erinnerung an ihre bevorstehende Ausreise nach Palästina 1937

 

„Wir sind unseres Umzugs wegen, besonders die Liebe Mutter, fest am Arbeiten. Da […] wir am 29. aus der jetzigen Wohnung sein müssen und haben wir viel zu räumen. Da wir in unserem einen Zimmer nur das Nötigste für den täglichen Gebrauch aufheben können […].“ 

Heinrich und Selma Wolff am 17.09.1941 an ihre Söhne in New York


Heinrich und Selma Wolff am 17.09.1941 an ihre Söhne in New York, vor dem angeordneten Umzug in das „Judenhaus“ Rheinallee 3. Ihr letzter Brief nach New York datiert vom 22.11.1941, bevor sie 1942 deportiert und ermordet wurden. In der Eleonorenstraße in Mainz-Kastel erinnern zwei Stolpersteine an das Ehepaar.

„Und am achten Ijar, einem Sabbat, erhoben sich die Feinde wider die Gemeinde von Speyer und töteten von ihnen zehn heilige Seelen, die ihren Schöpfer geheiligt hatten am heiligen Sabbat. Dort war eine fromme Frau, die schlachtete sich selbst zur Heiligung des Namens [Gottes].“ 

Elieser bar Nathan, vor 1146 


Mit der Selbsttötung entzogen sich die Verfolgten der Zwangstaufe. Der Bischof von Speyer schritt ein und unterband die Zwangstaufen.

„Es geschah, als sie durch die Städte kamen, wo Juden waren, da sprachen sie bei sich: Wohlan, wir haben uns aufgemacht, unsere Schmach aufzusuchen und unsere Rache an den Muslimen zu vollziehen, dabei sind es doch die Juden, die ihn getötet und ans Kreuz geschlagen haben. Wohlan, wir wollen an ihnen Rache üben und sie vertilgen unter den Völkern, daß des Namens Israel nicht mehr gedacht werden. Es sei denn, sie werden wie wir und bekennen sich [zum christlichen Gott ]“. 

Elieser bar Nathan, niedergeschrieben vor 1146.


1095 hatte Papst Urban II. dazu aufgerufen, Jerusalem zu erobern. Das Grab und die Wirkungsstätten Christi sollten wieder in christliche Hände gelangen. Im Umfeld dieses ersten Kreuzzugs kam es besonders am Rhein zu gewaltsamen Übergriffen auf jüdische Gemeinden.

Dies Jahr fuhr ich an dir vorbei.
Ich wollte deine Sandsteintürme
nicht sehen
und nicht dein Pflaster
unter meinen Füßen spüren.

Für sie, das Kind, das
jedes Fenster, jedes Tor
und jedes Blatt am Baume kannte,
und das noch immer zurückkehrt
im Schlaf und in schlaflosem Schmerz,
gibt‘s keine Rückkehr.

Um an der Wurzel festzuhalten,
halt‘ ich die ständige Sehnsucht
wach in meinem Blut;
und versenke diese frühe Liebe
in den geschwärzten Rhein. 

Lotte Kramer


Lotte Kramer (* 1923 in Mainz) gelangte mit einem der letzten Kindertransporte 1939 nach Großbritannien. Ihre Eltern wurden im KZ ermordet. In diesem Gedicht verleiht sie ihren zwiespältigen Gefühlen beim Anblick ihrer Heimatstadt Mainz Ausdruck. Es kann sicher für die Empfindungen vieler Menschen stehen, die zur Emigration gezwungen wurden.

„Ich wurde 1942 nach Theresienstadt verschleppt und bin eine der Wenigen, die von dorten wieder in ihre Heimatstadt zurückkehrten. […] Meine Schwester, die in Mainz wohlbekannte Lehrerin, Frl . Johanna Sichel, wurde in Auschwitz vergast. Mein Bruder,  Justizrat Dr. Bertram Sichel, starb durch einen Herzschlag infolge der Aufregungen im Jahre 1940. Meine zweite Schwester, Frau Regina Beck , entzog sich dem Transport nach Theresienstadt im Jahre 1942 durch Selbstmord. Meine dritte Schwester, Frau Dr. Hölzer, hat sich im Jahre 1945 aus den bekannten Gründen das Leben genommen.“ 

Henriette Sichel (1875-1961) 


Henriette Sichel (1875-1961) in einem Brief von 1949 an das Finanzministerium mit Bitte um Prüfung ihrer Ansprüche auf eine Rente bzw. Entschädigung für das seit 1938 eingezogene Vermögen. Der Bescheid war ablehnend.

„Da erhoben sich wider sie die Feinde und töteten mutwillig Kleinkinder und Frauen, Knaben und Greise an einem einzigen Tag, mit Hochschwangeren hatten sie kein Mitleid. Mond und Sonne, warum wurden sie nicht finster, als  tausenddreihundert heilige Seelen getötet wurden an einem einzigen Tag. Sechzig Seelen wurden gerettet am selben Tag in der Schatzkammer des Domes. An jedem Ort , wohin ein Jude geflüchtet war, um sein Leben zu retten, dort schreit der Stein aus der Wand.“ 

Elieser bar Nathan, niedergeschrieben vor 1146



Er erlebt als Kind und Augenzeuge das Massaker in Mainz 1096

„Die große Judenverfolgung begann mit den Kreuzzügen und wütete am grimmigsten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, am Ende der großen Pest, die, wie jedes andre öffentliche Unglück, durch die Juden entstanden sein sollte, indem man behauptete, sie hätten den Zorn Gottes herabgeflucht und mit Hülfe der Aussätzigen die Brunnen vergiftet. […] Eine andre Beschuldigung, die ihnen schon in früherer Zeit, das ganze Mittelalter hindurch bis Anfang des vorigen Jahrhunderts, viel Blut und Angst kostete, das war das läppische, in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft wiederholte Märchen: daß die Juden geweihte Hostien stählen, die sie mit Messern durchstächen bis das Blut herausfließe, und daß sie an ihrem Paschafeste Christenkinder schlachteten, um das Blut derselben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen.“ 

Heinrich Heine, aus: Der Rabbi von Bacharach, 1840

„Inzwischen hatte sich eine große Menschenmenge vor dem Gebäude versammelt. Wir [sechs Mitglieder der jüdischen Gemeinde] wurden gezwungen, die Kleider, Gebetbücher und andere religiöse Gewänder abzulegen und sie in ein großes Freudenfeuer, welches die Nazis angezündet hatten, zu werfen. Auch die Heilige Bibel musste verbrannt werden. Wir wurden gezwungen, diesem Schauspiel beizuwohnen um das Feuer zu schüren, bis das letzte Stück jüdischer Religionsgegenstände dahin war“. 

Bericht von Leo Fränkel (1893-1971) vom 1. März 1946


Bericht von Leo Fränkel (1893-1971) vom 1. März 1946 über die Schändung und Plünderung der Synagoge in Guntersblum am 10. November 1938

„Getötet wurden in Mainz an jenem Tag um Seines großen Namens willen, der da einzig ist in Seiner Welt und außer Ihm ist kein Gott, 1000 heilige Seelen – mit Ausnahme von Rabbi Kalonymus, dem gerechten Vorsteher, und einigen Jünglingen Israels mit ihm.“ 

Salomo bar Simson, um 1140

„Nun wird es ernst: Freitag kommen wir hier weg, vorerst 3 Tage nach Theresienstadt, resp. erst nach Frankfurt. Mein fester Entschluss war heute Abend Schluss zu machen und am Freitag mein Grab in Bad Ems zu beziehen, aber selbst das wird mir Pechvogel zunichte gemacht, weil die Sache zu plötzlich kam. […] Ich ließ heute ein großes Paket an Dich abgehen. Der Inhalt ist für Euch, nur das Frühstückskörbchen hebt für die Kinder auf, weil davon noch ein zweites da ist. Nun sage ich Euch ein herzliches, inniges Lebewohl , ich werde Euch wohl nicht wieder sehen!“ 

Abschiedsbrief von Fanny Königsberger vom 25.08.1941 an eine Freundin


Abschiedsbrief von Fanny Königsberger (1866-1942) vom 25.08.1941 an eine Freundin vor ihrer Deportation aus Bad Ems nach Theresienstadt

Bingen 1837, Silber, Silberschmied IS GDKE, Direktion Landesmuseum Mainz, DL LMM
Bingen 1837, Silber, Silberschmied IS GDKE, Direktion Landesmuseum Mainz, DL LMM

Die Inschriften nennen den Binger Rabbiner Moses Meir Lebrecht sowie mehrere Namen, die sich auch auf dem Friedhof dort wiederfinden. Andere Namen lassen sich eher mit Mainz verbinden. Die Beschädigung ist eindeutig Ergebnis eines mutwilligen Akts; jemand hat den Kelch auf eine harte Kante geschlagen. Der Schaden wird im Museum bewusst nicht repariert, da er zur Geschichte des Objekts gehört. Bei den Brandschatzungen der Synagogen, Geschäfte und Privathäuser in der Reichspogromnacht 1938 wird zur Zerstörung aufgerufen, aber nicht zur Plünderung.

Wiederaufgebaute Synagoge in Worms, 1961 © Stadtarchiv Worms
Wiederaufgebaute Synagoge in Worms, 1961 © Stadtarchiv Worms
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