
Seit den 1960er Jahren entdecken Kunstschaffende den seit der Industrialisierung im Alltag wenig beachteten Werkstoff Papier neu. Papier wird geformt, geschöpft, geprägt, gefaltet, geschnitten, gerissen und sogar zerstört. Einige Beispiele für diese Neuentdeckung des Materials finden sich in der Graphischen Sammlung im Landesmuseum Mainz. Die Kabinettausstellung lädt dazu ein, sich mit der Fragilität und Formbarkeit des Materials auseinanderzusetzen, ebenso mit der Frage nach dem Verhältnis von zweidimensionaler Fläche und dreidimensionalem Raum, die sich durch die Bearbeitung und die damit entstandenen Risse, Knicke, Falten und Vertiefungen in der Papieroberfläche stellt.
Zu sehen sind unter anderem Werke von Künstlerinnen und Künstlern wie dem Mainzer Gustl Stark (1917-2009) und Lore Bert (*1936), Arbeiten von Günther Uecker (1930-2025), Aen Sauerborn (1933-2020) und Erwin Wortelkamp (*1938), sowie dem spanisch-baskischen Bildhauer Eduardo Chillida (1924-2002). Als besonderes Highlight wird in der Ausstellung eine Neuerwerbung der in Mainz geborenen und international beachteten Künstlerin Angela Glajcar (*1970) erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.
Die Kunstwerke aus Papier werden ergänzt durch Skulpturen aus dem Landesmuseum Mainz.
Hommage á Johann Sebastian Bach, 1997
Das 52-seitige Mappenwerk Hommage á Johann Sebastian Bach bildet den Höhepunkt einer bereits seit 1979 bestehenden Auseinandersetzung des spanisch-baskischen Bildhauers Eduardo Chillida mit dem Komponisten Johann Sebastian Bach (1685–1750). Darin überführt Chillida die Musik des von ihm hoch geschätzten barocken Musikers in das Medium der Grafik. Neben den zwölf Grafiken, in denen bis auf eine reine Blindprägung die Techniken Siebdruck und Prägedruck kombiniert werden, besteht das Mappenwerk aus Wiederholungen von Partituren Bachs, sowie eigenen Texten Chillidas und anderer Autoren, etwa Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) oder Georges Braque (1882– 1963).
Eduardo Chillida verstand Johann Sebastian Bach (1685–1750) als Baumeister, der nicht mit den Mitteln des Architekten, sondern mit Zeit und Klang arbeitete, und verglich dessen Variationen mit den Wogen des Meeres, die scheinbar dieselben sind und sich doch immer unterscheiden. In seinen Kompositionen überführte Chillida den nicht sichtbaren Raum der Musik in ein visuelles Kraftfeld aus schwarzen Linien und farblos geprägten Flächen. Die in der charakteristischen Formensprache Chillidas ausgeführten Linien werden von den Flächen unterbrochen, schmiegen sich an diese an und wiederholen sich ohne je gleich zu sein.
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